Home     Vita     Publikationen    Kampagnen & Projekte     Lehrauftrag     Short Cuts     PR-Bibliothek     Links     Kontakt    Impressum

 




Thomas Mavridis

PR für die Weltethos-Idee

"Kein Weltfriede ohne Religionsfriede"

PR-Guide Januar 2001

Interreligiöse Kommunikation, Dialog und Verständigung stehen im Mittelpunkt facettenreicher Bemühungen der Stiftung Weltethos bei der Vermittlung von Gemeinsamkeiten der Religionen. Der bekannte Tübinger Theologe Hans Küng will damit eine Grundlage für ein menschlicheres Zusammenleben und den globalen Frieden schaffen. Zum Erfolg der Initiative trägt eine bemerkenswerte PR-Strategie bei.

Clash of Civilizations

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus leben wir nicht mehr in einer bipolaren, sondern in einer multipolaren Welt. Weltpolitik ist multipolar und multikulturell geworden, wie Samuel P. Huntington in seinem weitverbreiteten Buch "Kampf der Kulturen" (Clash of Civilizations) feststellt. Huntington weist darauf hin, dass in der Welt nach dem Kalten Krieg die wichtigsten Unterscheidungen zwischen den Völkern nicht mehr ideologischer, politischer oder ökonomischer Art seien, sondern kultureller Art. Die wichtigsten Gruppierungen von Staaten bestünden nicht mehr aus den drei Blöcken, sondern aus den sieben oder acht großen Kulturen der Welt, die zusammenzuprallen drohen (Huntington 1996: 20f.).

Die zentrale These von Huntington, dass die gefährlichste Dimension der globalen Politik der Konflikt zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen sein werde, scheint einer Überprüfung in der Praxis leider standzuhalten. Von Toleranz ist bei den uns nahe stehenden Religionen - Judentum, Christentum und Islam - gegenwärtig wenig zu spüren, weder bei Katholiken, noch bei Orthodoxen und Muslimen auf dem Balkan, noch beim Umgang der Israelis mit den Palästinensern. In den Massenmedien und in der öffentlichen Meinung ist das aggressive Potential der Religionen tagtäglich präsent. Religionen haben offensichtlich ein immenses Konfliktpotential, das von manchen Religiösen und Unreligiösen ausgenutzt wird, indem sie Kriege mit dem Attribut "heilig", "gerecht" oder "sauber" versehen.

Stereotype von Verängstigung und Verachtung


Kämpft gegen Stereotype: Hans Küng, hier bei 
Filmaufnahmen in Simbabwe

Allein in Europa stellt der Pluralismus der Religionen die Gesellschaften vor neue Herausforderungen. Mittlerweile leben zehn bis zwölf Millionen Muslime in Europa, davon 2,7 Millionen in Deutschland. Hochrechnungen besagen, dass es im Jahre 2020 40 Millionen Muslime in Europa geben wird. "Die Pluralisierungserfahrung geht einher mit der Erfahrung von Fragmentierung: eine Erfahrung mentaler Abschottung, der Verweigerung des Dialogs, der Selbstghettoisierung und der kulturellen Abwehr." (Kuschel 1998b) Hinzukommen unterschiedliche Images der Religionen. Während mit Religionen wie dem Buddhismus oder dem Hinduismus Charaktereigenschaften wie "Friedfertigkeit" und "fernöstliche Weisheit" verbunden werden, wird der Islam, eine der größten Weltreligionen, auf das Fundamentalistisch-Terroristische reduziert und als frauenfeindlich, freiheitsbedrohend, ja mit den modernen Menschenrechten nicht vereinbar gesehen (Hafez 1996; Kuschel 1998a).

Auf der Suche
nach einem Grundkonsens der Weltreligionen

Die Notwendigkeit der Vermeidung eines "Clash of Civilizations" und das Erfordernis des Abbaus von Feindbildern und Stereotypen sowie politischer und kultureller Verängstigung veranlasste Ende der 80er Jahre den streitbaren katholischen Theologen Hans Küng, dem Papst Johannes Paul II. 1979 die kirchliche Lehrbefugnis entzogen hatte, das "Projekt Weltethos" ins Leben zu rufen (Küng 1990). Es wird von der Grundüberzeugung getragen:

  • Kein menschliches Zusammenleben ohne eine Weltethos der Nationen.
  • Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.
  • Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog unter den Religionen. (Küng 1990: 171)

Das Projekt versteht Küng nicht als eine neue Weltideologie oder einheitliche Weltreligion jenseits aller bestehenden Religionen oder gar als die Herrschaft einer Religion über alle anderen. "Der Appell für eine Weltethos will nicht die hochethischen Forderungen jeder einzelnen Religion durch einen ethischen Minimalismus ersetzen, will nicht an die Stelle von Tora, der Bergpredigt, des Koran, der Bhagavadgita, der Reden des Buddha oder der Sprüche des Konfuzius treten." (Küng 1995: 14).

Mit Weltethos ist der Grundkonsens verbindlicher Werte, unverrückbarer Maßstäbe und persönlicher Grundhaltungen gemeint, die Menschen verschiedener Religionen teilen und die auch von Nichtglaubenden mitgetragen werden können. 1993 verabschiedete das Parlament der Weltreligionen unter Küngs Federführung die "Erklärung zum Weltethos". Die Vertreter aller Religionen legten sich auf vier Prinzipien eines Weltethos fest: Sie verpflichteten sich auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben; der Solidarität und einer gerechten Wirtschaftsordnung; der Toleranz und dem Leben in Wahrhaftigkeit; der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Mann und Frau.

Strategien gegen Feindbilder und Stereotypen


Dreharbeiten für die Weltethos-Reihe am 
Ganges in Varanasi

Um Konflikte nicht eskalieren zu lassen, sollte ein "Dialognotstand" abgewendet werden. Das verdeutlichte Roland Burkart in der PR-Forschung sehr ausführlich anhand des Konzepts der Verständigungsorientierten Öffentlichkeitsarbeit (Burkart 1996: 246f.). Auch Hans Küng hebt im Hinblick auf sein Projekt hervor, dass ein Dialognotstand nur durch Verständigung verhindert werden kann (Küng 1994: 891). Jede Religion sollte sich Küng zufolge auf ihr eigenes Programm besinnen, indem das Wort "Frieden" - in der Hebräischen Bibel "schalom", im Koran "salam" und im Neuen Testament "eirene" - eine so große Rolle spielt. Küngs Desiderat für die Zukunft ist: "Keine Synagoge, Kirche oder Moschee sollte es mehr geben, die nicht für die religiöse Verständigung einen Beitrag leistet. In allen Synagogen, Kirchen und Moscheen sollte für den Frieden nicht nur gebetet, sondern aktiv geworben und gearbeitet werden." (Küng 1991: 761)

Küng fordert den interreligiösen Dialog nicht nur auf der Makro- und Mesoebene, sondern auch auf der Mikroebene, d. h. nicht nur im internationalen und nationalen Bereich, sondern vor allem auch im lokalen und regionalen, ja im privaten Bereich. Küng postuliert lokale und regionale interreligiöse Basisgruppen und Arbeitsgemeinschaften und den alltäglichen Dialog in religionsverschiedenen Ehen und gemeinsamen sozialen Projekten, anlässlich religiöser Feiertage oder bei politischen Initiativen. Er verlangt den äußeren Dialog derer, die in derselben Straße wohnen, im selben Dorf leben, in derselben Fabrik arbeiten oder an derselben Universität studieren und den inneren Dialog, wann immer zum Beispiel Christen vom Koran hören oder Muslime von den Evangelien (Küng 1990: 170f.).

Feindbildern und Stereotypen politischer und kultureller Verängstigung soll mit "Strategischer Aufwertung" begegnet werden (Kuschel 1998a: 22). Es werden - im Kontrastbild - die positiven Seiten von Personen, Religionen und Kulturen herausgestellt, ohne damit zu leugnen, dass es jeweils überall auch Negatives und Verabscheuungswürdiges gibt. Strategische Aufwertung ist bewusst vollzogene, kontextabhängige Positivzeichnung negativ besetzter Wirklichkeiten, um vor allem jeden Reduktionismus und jegliche Stereotypisierung im Interesse einer höheren Komplexität zu entkräften. Strategische Aufwertung zielt nicht auf Identifikation, sondern auf Gerechtigkeit im Urteil gegenüber anderen.

Vielfältiger Einsatz von PR-Instrumenten


Erfolgreich als TV-Serie und auf CD-ROM: 
das Projekt "Spurensuche"

Ein wichtiger Pfeiler der PR der Stiftung Weltethos ist - neben der Popularität Hans Küngs - das Multimedia-Projekt "Spurensuche", das mit einer siebenteiligen Fernsehreihe, einem bebilderten Sachbuch und einer CD-ROM umfassend in die Thematik einführt.

Mehr als ein Jahr arbeitete die Stiftung an dem Projekt. Im Mittelpunkt stand die Fernsehdokumentation, produziert vom Südwestrundfunk (SWR) in Kooperation mit dem Schweizer Fernsehen DRS. Die Reihe wurde ab 17. Oktober 1999 jeden Sonntag und Mittwoch um 20.15 Uhr in 3sat ausgestrahlt. Anschließend wurde sie von den Dritten Programmen der ARD übernommen und ist nun als Video-Edition erhältlich. Im Vorfeld war ausführlich für das Multimedia-Projekt geworben worden. Hans Küng hatte es im Oktober 1999 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

Zur Fernsehdokumentation hatte es im Südwestfernsehen ein Gespräch von Hans Heiner Boelte mit Küng gegeben. In 3sat war vor Beginn der Sendereihe die Sendung "Wortwechsel - Thomas Reimer mit Prof. Hans Küng" ausgestrahlt worden. Das ehrgeizige Projekt deckt das ganze Spektrum der Religionen ab: die ethnischen Religionen, wie sie vor allem noch in Australien und Afrika zu finden sind, die Religionen aus den drei großen religiösen Stromsystemen, die Weisheitsreligionen chinesischen Ursprungs (Konfuzianismus und Taoismus), die mystischen Religionen indischer Herkunft (Hinduismus und Buddhismus) und schließlich die prophetischen Religionen nahöstlichen Ursprungs (Judentum, Christentum und Islam).

Auf der CD-ROM finden sich sowohl Texte und Grafiken aus dem Buch, als auch Tonsequenzen und Standbilder aus dem Fernsehmaterial. Der Inhalt - in welchem Medium auch immer - besticht durch seine einzigartige Mischung aus Distanz und Herzblut. Zur Konzeption des Projekts unterstrich Küng, er wolle nicht nur informieren, neutrale ‚Kulturfilme' präsentieren oder in kühler Objektivität über eine Religion möglichst distanziert berichten. Er wolle aber erst recht nicht missionieren und parteiische Werbefilme zumuten zugunsten einer Religion oder gar zugunsten einer neuen Weltreligion. Er wolle orientieren über vielleicht Fremdes und Unbekanntes und die Rezipienten herausfordern, über die Bedeutung der großen Religionen für die Menschheit anders oder neu nachzudenken, um "sich nicht auf diese selbstverständlich weiterhin existierenden Unterschiede zu fixieren, sondern die bestehenden frappierenden Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen gerade im Ethos als Grundlage für die Arbeit am Religions- und Weltfrieden zu nutzen." (Küng 1999b).

Literatur

Burkart, Roland (2000): Die Wahrheit über die Verständigung. In: PR Forum 6. Jg. (2000), Nr. 2, S. 96 - 99.

Burkart, Roland (1996): Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit. Der Dialog als PR- Konzeption. In: Dialogorientierte Unternehmenskommunikation. Grundlagen. Praxiserfahrungen. Perspektiven. Hg. v. Günter Bentele, Horst Steinmann und Ansgar Zerfaß. Berlin: Vistas (= Öffentlichkeitsarbeit, Public Relations und Kommunikationsmanagement 4), S. 245-270.

Hafez, Kai (1996): Das Islambild in der deutschen Öffentlichkeit, in: Die neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte 5, 43. Jg., S. 426-432.

Hunt, Todd/James E. Grunig (1994): Public Relations Techniques. Fort Worth, Philadelphia, San Diego u. a.: Harcourt Brace College Publishers.

Huntington, Samuel P. (1996): Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 20. Jahrhundert. München, Wien: Europaverlag.

Küng, Hans (1990): Projekt Weltethos. München, Zürich: Piper.

Küng, Hans (1991): Das Judentum. München, Zürich: Piper

Küng, Hans (1994): Das Christentum. Wesen und Geschichte. München, Zürich: Piper

Küng, Hans (1995): Wird sich ein Weltethos durchsetzen? In: Ja zum Weltethos. Perspektiven für die Suche nach Orientierung. Hg. v. Hans Küng. München, Zürich: Piper, S. 13-18.

Küng, Hans (1998): Der globale Markt erfordert ein globales Ethos. In: Wissenschaft und Weltethos. Hg. v. Hans Küng und Karl-Josef Kuschel. München, Zürich: Piper, S. 19-39.

Küng, Hans (1999a): Leitplanken für die Moral. Der katholische Theologe Hans Küng über die Renaissance der sozialen Bewegungen und ein Weltethos im Zeitalter der Globalisierung. Spiegel-Gespräch. In: Der Spiegel 51/1999. 

Küng, Hans (1999b): Weltreligionen und Weltethos. Gemeinsamkeiten als Grundlage globalen Friedens? In: Neue Zürcher Zeitung, 11.08.1999. www.kirchen.ch/pressespiegel/nzz/0152.htm

Küng, Hans (1968): Wahrhaftigkeit. Zur Zukunft der Kirche. Freiburg, Basel, Wien: Herder (= Kleine ökumenische Schriften 1).

Kuschel, Karl-Josef (1993): Wie Menschenrechte, Weltreligionen und Weltfrieden zusammenhängen. In: Weltfrieden durch Religionsfrieden. Antworten aus den Weltreligionen. Hg. v. Hans Küng u. Karl-Josef Kuschel. München, Zürich: Piper (= Serie Piper 1862), S. 171-216.

Kuschel, Karl-Josef (1994): Streit um Abraham. Was Juden, Christen und Muslime trennt ­ und was sie eint, München, Zürich: Piper.

Kuschel, Karl-Josef (1998a): Vom Streit zum Wettstreit der Religionen. Lessing und die Herausforderung des Islam. Düsseldorf: Patmos (= Weltreligionen und Literatur 1).

Kuschel, Karl-Josef (1998b): Weltethos und Menschenpflichten. Impulsreferat zur Podiumsdiskussion im Rahmen des Symposions der Stiftung Entwicklung und Frieden "Die Weltzivilisation am Ende des 20. Jahrhunderts - universelles Ethos und Menschenpflichten oder die Relativität der Werte in den Weltkulturen?" Potsdam, 11. Dezember 1998. l

Parlament der Weltreligionen (1995): Erklärung zum Weltethos. In: Ja zum Weltethos. Perspektiven für die Suche nach Orientierung. Hg. v. Hans Küng. München, Zürich: Piper, S. 21-44.

Szyszka, Peter (1996): Kommunikationswissenschaftliche Perspektiven des Dialogbegriffs. In: Dialogorientierte Unternehmenskommunikation. Grundlagen. Praxiserfahrungen. Perspektiven. Hg. v. Günter Bentele, Horst Steinmann und Ansgar Zerfaß. Berlin: Vistas (= Öffentlichkeitsarbeit, Public Relations und Kommunikationsmanagement 4), S. 81-106.

Von der Groeben, Graf K. K. (1995): Zur Gründung einer ‚Stiftung Weltethos'. In: Ja zum Weltethos. Perspektiven für die Suche nach Orientierung. Hg. v. Hans Küng. München, Zürich: Piper, S. 313ff.

<<__zurück