Home     Vita     Publikationen    Kampagnen & Projekte     Lehrauftrag     Short Cuts     PR-Bibliothek     Links     Kontakt    Impressum

 

 

Publizieren

von Manfred Rühl
Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2000
ISBN: 3-531-13370-5
261 Seiten, 49,80 DM

Eine Sinngeschichte der öffentlichen Kommunikation

Unsere Meinung:

Seit vielen Jahren wird an der Universität Bamberg unter der Ägide des inzwischen emeritierten Professors Manfred Rühl die Publizistik als eine weltgesellschaftliche Form der öffentlichen Kommunikation untersucht. Das grundlagentheoretische Gesamtprojekt unter dem Titel "Publizistik - ein Sinnmacher in Vergangenheit und Zukunft" problematisiert die Publizistik auf dreifache Weise. Zunächst wird das Publizieren als Sinngeschichte beschrieben; parallel dazu wird die Theorie der Publizistik erarbeitet und eine Politische Ökonomie der Publizistik entworfen. Der erste Teil des Gesamtprojektes, die Sinngeschichte, liegt als Zwischenbilanz vor, zusammengefasst in einer Buchveröffentlichung von Manfred Rühl.

Die Alltagssprache, die auf die Ereignisgeschichte zurückgeht, verbindet Publizieren mit dem Buchdruck und meint damit Veröffentlichen, im Druck erscheinen lassen. Beim Publizieren, so Manfred Rühl, handele es sich aber um eine unterscheidbare Produktions- und Rezeptionseinheit menschlicher Kommunikation. Publizieren versteht er als einen soziohistorischen Produktions- und Rezeptionszirkel, durch den programmierte Programminhalte zu (publizistischen) Werken und (ökonomischen) Waren werden. Wie in dem 1992 gemeinsam mit Franz Ronneberger vorgelegten Entwurf einer Theorie der Public Relations, bildet für den Verfasser auch hier die Systemtheorie eine geeignete Analyse- und Erkenntnishilfe. So ist die Sinngeschichte des Publizierens von dem gesellschaftlichen Theoriemodell Niklas Luhmanns beeinflusst. Manfred Rühl operiert system/mitwelt-theoretisch, konzentriert sich auf die Begriffs- Methoden- und Theoriegeschichte, um in einer breitstreuenden geistes- und sozialwissenschaftlichen Literatur nach Dreh- und Angelpunkten des Publizierens und der funktional autonomen Publizistik zu suchen. Die publizistische Sachgeschichte bildet entsprechend den Hintergrund. Rund 25 Jahrhunderte des Publizierens "inspiziert" Manfred Rühl in Interdependenz zu Kriegergesellschaften, Adelsgesellschaften, Bürgergesellschaften, Industriegesellschaften und abschließend zur Weltgesellschaft.

Rühls Sinngeschichte des Publizierens setzt ein mit der "persuadierenden Kommunikation" der Antike und den Gesellschaftsstrukturen der homerischen Mythen. Aristoteles Rhetorik und das bekannte Höhlengleichnis des "schreibenden und publizierenden Platon" (S. 33) werden einer kommunikationswissenschaftlichen Analyse unterzogen. Daran anschließend untersucht Rühl die Klosterkommunikation im Mittelalter (S. 39). Dabei stellt der er fest, dass die organisierte Kommunikation des mittelalterlichen Klosters ein noch hinreichend zu würdigender Forschungsfall für das Publizieren sei. In Relation zu einer öffentlichen Kommunikation setzt Manfred Rühl die reflexionstheoretischen Leistungen des praktisch tätigen Philosophen, Theologen und Kirchenpolitikers Nikolaus von Kues. Erst danach thematisiert er die kommunikationskulturelle Wende des gutenbergischen Buchdrucks und die Erfindung der Zeitung.

Das Werk Francis Bacons bildet für Rühls Sinngeschichte des Publizierens besondere Dreh- und Angelpunkte. Obwohl Bacon keinen systematischen Theorieentwurf über Kommunikation vorgelegt hat, weist Rühl auf The Advancement of Learning hin, die Elemente und Desiderata zur Bildung einer Kommunikationstheorie enthält. Weitere Repräsentanten eines bestimmten Reflexions-, Verfahrens- und Anwendungswissens, das in die Arbeit an der Publizistiktheorie eingegangen ist, entdeckt Rühl unter anderem in dem Lyriker, Sprachforscher und Autor von Ratgeberliteratur Kaspar Stieler, der alle Schichten der Gesellschaft, vor allem das Volk anregen wollte, die Zeitung umfassend zu lesen, damit es alles von der Welt weiß, in Adam Smith, Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Manfred Rühls Forschungsbericht hat unbezweifelbar Lehrbuchcharakter. Das Buch ist für Studierende eine gute Zusammenschau der soziohistorischen "Emergenz" des Publizierens und bildet für Wissenschaftler eine günstige Ausgangslage, an einer wissenschaftlichen Theorie des Publizierens und einer Theorie der Politischen Ökonomie des Publizierens (sensemaking in public communications) mitzuwirken. Public Relations und ihre Funktion behandelt Rühl nicht explizit. Bekanntlich sieht er in seinem gemeinsam mit Franz Ronneberger verfassten gesellschaftstheoretischen PR-Ansatz die besondere soziale Wirkabsicht von Public Relations darin, dass PR durch Anschlusskommunikation und -interaktion öffentliches Interesse (Gemeinwohl) und soziales Vertrauen der Öffentlichkeit stärkt. Das von Manfred Rühl angeführte Fallbeispiel, die publizistischen Aktivitäten des Arztes Théophraste Renaudot, deuten auf eine "Emergenz" der PR hin, auch wenn im absolutistisch regierten Frankreich nicht zwischen Public Relations, Journalismus, Propaganda oder Werbung hinreichend unterscheiden werden kann. Differenziertere Formen öffentlich-persuasiver Kommunikation macht Manfred Rühl in den Bemühungen von John Dewey aus, Wissenschaftspraxis und Alltagspraxis miteinander zu verbinden und die Wissenschaft radikal in den Dienst der Verbesserung sozialer Verhältnisse zu stellen (S. 197 ff.) ein Indiz für die Entfaltung der Öffentlichkeitsarbeit für sozial Randständige.

In punkto Public Relations, aus diesem Blickwinkel wird hier bekanntlich beurteilt, ist es lohnender, sich unmittelbar mit Ronnebergers und Rühls Theorie der Public Relations und Manfred Rühls jüngsten Gedanken zur "Praxis der Public Relations-Theorie" (PR-Forum 3/2000, S. 148 ff.) auseinanderzusetzen, in die ja wiederum Elemente aus der Sinngeschichte der öffentlichen Kommunikation eingeflossen sind.

Thomas Mavridis

In: PR-Guide 10/2000.

<<__zurück