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Thomas Mavridis Public Relations der NATOKommunikationsmanagement für die Operation "Allied Force" PR-Guide Mai 1999 Am 24. März 1999 startete die NATO ihre Operation ‚Allied Force‘. Seitdem finden sich täglich um 15 Uhr mehrere hundert Journalisten im Brüsseler Joseph-Luns-Theatre zu den Briefings, den täglichen Presseunterrichtungen des euroatlantischen Bündnisses, ein. CNN, SkyNews, die BBC, auch die deutschen Sender Phoenix und n-tv übertragen die täglichen Auftritte des NATO-Sprechers Jamie Shea und eines der hohen Offiziere der NATO live. Offensive Kommunikation - täglich neu
Im Krieg um das Kosovo vertritt das Bündnis eine offensive Informationspolitik. "Einer der meistbeschäftigten Leute bei der NATO ist in diesen Tagen der Sprecher der Allianz, Jamie Shea. Mit dem Beginn der NATO-Angriffe wurde der 45jährige Brite über Nacht zum internationalen Medienstar", schreibt der Tagesspiegel (Knigge 1999). Shea, der dem NATO-Stab seit 19 Jahren angehört, wurde 1993 stellvertretender Direktor für Presse und Information. In dieser Position ist er zugleich offizieller Sprecher des Bündnisses und des Generalsekretärs. Manfred Wörner, einer der energischsten und erfolgreichsten NATO-Generalsekretäre, für den Shea in der Zeit des Falls des Kommunismus die Reden geschrieben hatte, führte ein, daß der NATO-Sprecher an allen wichtigen Sitzungen teilnimmt. Shea gehört zu den Beratern von Generalsekretär Javier Solana und wird als kreativer Denker geschätzt. Damit ist der PR-Manager Teil der "dominant coalition" im Generalsekretariat (Dozier et al. 1995: 107ff.). Daß bei den Briefings neben dem zivilen Sprecher Shea auch ein ranghoher Offizier steht, der den militärischen Lagebericht, das Daily Operations Update, liefert, ist auf die Organisationsstruktur der NATO zurückzuführen. Sie gliedert sich in eine politische und eine militärische Organisation. Den politischen Führungsgremien in Brüssel, wo sich zugleich das Herzstück des Kommunikationsmanagements befindet, sind die militärischen Führungsstrukturen im 60 Kilometer entfernten Mons nachgeordnet. In Mons hat der Supreme Allied Commander Europe, Wesley Clark, seinen Sitz. Der amerikanische General entsendet die Offiziere, die bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Shea die militärischen Aspekte des Kosovo-Krieges erläutern. Im Gegensatz zu Shea sind die hohen Offiziere keine PR-Fachmänner. "Konflikte sind noch nie sehr gesund gewesen." Das war die Antwort des italienischen Fliegergenerals Giuseppe Marani in einem Briefing auf die Frage einer serbischen Journalistin, ob nicht die Bombardierung der Raffinerie von Pancevo und die dadurch ausgelösten Brände und der Rauchvorhang über Belgrad eine ökologische Katastrophe darstellten. Shea ergänzte, um den Eindruck des Zynismus beiseite zu räumen: "Von den brennenden Dörfern im Kosovo steigt mehr Rauch auf." Multipler Ansatz -
Bei seinen Auftritten und seinen Äußerungen muß der NATO-Sprecher die zum Teil sehr unterschiedlichen Öffentlichkeiten und öffentlichen Meinungen in allen 19 Mitgliedsstaaten berücksichtigen. Sie sind von kriegsentscheidender Bedeutung. Die NATO-PR stand von Anfang an vor einem ähnlichen Problem wie die internationale Unternehmens-PR hinsichtlich der Globalisierung der Märkte heute (Morley 1998). Unterschiedliche politische, geographische, kulturelle oder sprachliche Gegebenheiten, nationale oder internationale Anliegen, neue Entwicklungen innerhalb des Bündnisses oder zwischen Ost und West erforderten in hohem Maße Flexiblität. Hauptarbeitsprinzip der Öffentlichkeitsarbeit ist trotz der zentralisierten Kommunikation der "multiple Ansatz" (NATO Information Service 1990: 225). Er soll der Souveränität der einzelnen Mitgliedsstaaten und der hohen Komplexität sicherheitspolitischer Kommunikation gerecht werden. Für die Darstellung ihrer Verteidigungs- und Sicherheitspolitik sowie ihrer Rolle in der Allianz ist folglich jede Regierung selbst verantwortlich. Vor diesem Hintergrund ist auch die Pressekonferenz zur deutschen Beteiligung an der NATO–Operation im Kosovo zu sehen, die täglich im Moltkesaal auf der Bonner Hardthöhe stattfindet. In Deutschland steht die "Informationsarbeit Bundeswehr 2000" im Mittelpunkt des Kommunikationsmanagements. Das Dachkonzept zielt darauf ab, die Notwendigkeit der Friedens- und Freiheitssicherung darzustellen sowie die Akzeptanz der Bundeswehr zu fördern. Im Rahmen dieses Konzepts wirken alle fünf Aufgabenfelder der Informationsarbeit – sicherheits- und verteidigungspolitische Kommunikation, Pressearbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Nachwuchswerbung und Truppeninformation – aufeinander abgestimmt zusammen (BMVg 1994ff., Prayon 1998). Bildhafte Sprache im Konflikt
Daß in diesen Tagen viel von Propaganda die Rede ist, ist auf jene unüberwindbare Barriere zwischen Öffentlichkeit und Ereignis zurückzuführen, die, so Walter Lippmann, der 1917 persönlicher Assistent des amerikanischen Kriegsministers Newton D. Baker war, die Gelegenheit für effektive Propaganda bietet (Lippmann 1990: 35ff.). Nicht nur das Milosevic-Regime, sondern auch das Atlantische Bündnis gestaltet seine Informationspolitik im Dienste seiner Kriegsziele. In militärischen Auseinandersetzungen ist es gang und gäbe, bestimmte Begriffe zu vermeiden, gut verwertbare Schlagwörter zu besetzen und den Feind als Aggressor, Unmensch oder Störenfried der eigenen Ziele und Ideale zu brandmarken (Kunczik 1997: 274ff.). "Gestern noch war Saddam Hussein Hitler, heute heißt Hitler schon Milosevic", ist in einem kritischen deutschen Presseartikel zu lesen (Winkler 1999). Shea verglich Milosevic auch mit dem kambodschanischen Kommunisten Pol Pot, der in den 70er Jahren Millionen seiner Landsleute ermorden lassen hatte. Der Londoner Mirror titelte am folgenden Tag "Pol Pot II". Der Independent hatte die Schlagzeile "In Europas großem Terror gefangen", nachdem Shea an Stalins Vertreibungen ganzer Bevölkerungen erinnerte. Das Vorgehen der Serben zur ‚Identitäts-Eliminierung‘ von Kosovo-Vertriebenen nannte der NATO-Sprecher einen "Alptraum-Szenarium wie von George Orwell". Shea erklärt, er versuche damit klarzumachen, warum die NATO diese Operation durchführt. "Deswegen benutze ich auch so viele Bilder. Manche werfen mir deswegen vor, das sei billige Polemik." Von ‚Krieg‘ spricht Shea nie. Er nennt den Kosovo-Einsatz ‚Krise‘, ‚Konflikt‘ oder ‚Operation‘ (Reiher 1995; ZDF 1999). "Wer im Krieg ist, tut Dinge, die wir nicht tun", so Shea. "Krieg heißt, viel größere Risiken einzugehen. Wir versuchen, die Serben zu schützen, so gut es geht. Unsere Angriffe richten sich nur gegen Milocevics militärische Macht." Bereits mehrmals mußte Shea ‚Kollateralschäden‘ einräumen. Daß heißt, daß auch versehentlich zivile Ziele getroffen wurden. Propaganda oder Public Relations
Harald Bungarten, Leiter der NATO-Pressestelle in Brüssel, wies Kritik entschieden zurück, wonach das Bündnis auch einmal die Unwahrheit sage. Alles, was die Sprecher sagen, müsse der Wahrheit entsprechen. Bungarten, der neben Jamie Shea der zweithöchste NATO-Sprecher in Brüssel ist, stellte die Informationspolitik des Bündnisses derjenigen Belgrads gegenüber. So habe der jugoslawische Präsident Milosevic die Presse gleichgeschaltet und ausländische Journalisten weitgehend ausgeschlossen. Die Botschaften aus Belgrad seien auf die eigene Öffentlichkeit gerichtete Propaganda, die allerdings auch darauf abziele, die internationale Gemeinschaft zu spalten. Im Westen werde diese Propaganda verbreitet, wenn Fernsehstationen immer wieder Bilder des Belgrader Staatsfernsehens über brennende zivile Ziele oder geschundene US-Soldaten zeige. In den westlichen Demokratien mit einer freien Presse könne es sich eine Organisation wie die NATO nicht leisten zu desinformieren, sagte Bungarten. Es herrsche bei den NATO-Sprechern das absolute Verbot, Journalisten zu belügen (vgl. auch Shea 1998). Allerdings sähen die Sprecher auch die Notwendigkeit, daß bei Informationen von strategischer Bedeutung Zugeständnisse gemacht werden müßten, um das Leben der Soldaten und den Erfolg der Operation nicht zu gefährden. Diese Einschränkungen seien häufig für Journalisten nicht sofort nachvollziehbar. Somit hänge sich die Kritik an der Informationspolitik der NATO auch hauptsächlich an der militärischen Seite auf. "Die Feststellung der
Abgesehen von Awacs-Flugzeugen, die den Luftraum sondieren, ist das Bündnis auf Erkenntnisse angewiesen, die ihm von nationalen Aufklärern übermittelt werden. Das größte Problem für Shea und seine Kollegen liegt dabei darin, daß sie keine Entscheidungsbefugnis über das Bild- und Videomaterial haben. Diese liegt allein bei den jeweiligen Mitgliedsländern, deren Piloten auf ihren Einsatzflügen das Bildmaterial heranschaffen. Satellitenbilder, Kommunikationssysteme und Aufklärung stellen vor allem die U.S.A. zur Verfügung. "Die Feststellung der Fakten ist ein kompliziertes Geschäft", sagte Shea. Dies wurde besonders deutlich am Verwirrspiel um die Angriffe auf einen Flüchtlingskonvoi nahe Djakovica an der albanischen Grenze Mitte April (Gack 1999). Shea entschuldigte sich dafür, daß er am Vortag von der Bombardierung eines Flüchtlingskonvois durch NATO-Flugzeuge auf der Straße zwischen Djakovica und Prizren gesprochen habe. Seine Erklärung am Vortag war als Eingeständnis verstanden worden, daß die NATO für die Angriffe verantwortlich sei, bei denen mindestens 70 Menschen getötet worden sein sollen. Im NATO-Pressestab heißt es zu Fehleinschätzungen und Pannen, daß sie in einem solchen Konflikt kaum zu vermeiden seien - außer wenn eine völlige Informationssperre verhängt würde. Dies wird aber nicht erfolgen. Im NATO-Hauptquartier wird vielmehr daran gedacht, den Pressedienst rund um Shea personell erheblich aufzustocken. Vor allem hat sich Shea der Unterstützung des britischen Regierungssprechers Alastair Campbell versichert. PR-Erfolge bescheinigt die freie Publizistin Mira Beham der NATO schon jetzt: Es sei ihr gelungen, "die Aufmerksamkeit ihrer Medien und Öffentlichkeiten im Sinne ihres militärischen Einsatzes zur ‚Abwendung einer humanitären Katastrophe‘ auf das Elend im Kosovo und in seinen Grenzgebieten zu lenken und das Elend der Kurden oder jenes im Sudan, in Sierra Leone, Angola, Afghanistan, Somalia, Ruanda, Äthiopien, Eritrea oder sonstwo auf der Welt auszublenden wie auch das Völkerrecht außer Kraft zu setzen, ohne daß es in der öffentlichen Meinung große Proteste gegeben hätte" (Beham 1999). Literatur zum Thema - Beham, Mira (1999): Was man über den Krieg wissen soll. Militärs benutzen die Medien für ihre Zwecke – auch im Kosovo-Konflikt. In: Berliner Zeitung, 06.04.1999. - BMVg (1994ff.): Ja, Dialog. Information über die Kommunikation der Bundeswehr. Bonn: Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung. - Bruce, Erika V. C. (1994): NATO´s Information Activities at a Time of Increasing Demands and Dwindling Resources. In: NATO Review, 42. Jg., Nr. 4, S. 17ff. - Dozier, David M./Larissa A. Grunig/James E. Grunig (1995): Manager´s Guide to Excellence in Public Relations and Communication Management. Mahwah (NJ), Hove: Lawrence Erlbaum Associates. - Gack, Thomas (1999): Ist die Nato in eine Medienfalle von Milosevic getappt? In: Stuttgarter Zeitung, 21.04.1999. - Knigge, Jobst (1999): NATO-Sprecher mit Cockney-Akzent. In: Der Tagesspiegel, 06.04.1999. - Kohring, Matthias/Alexander Görke/Georg Ruhrmann (1996): Konflikte, Kriege, Katastrophen. Zur Funktion internationaler Krisenkommunikation. In: Internationale Kommunikation. Eine Einführung. Hg. v. Miriam Meckel und Markus Kriener. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 283-298. - Kunczik, Michael (1997): Images of Nations and International Public Relations. Mahwah, New Jersey: Lawrence Erlbaum Associates. - Lippmann, Walter (1990; zuerst 1922): Die öffentliche Meinung. Bochum: Universitätsverlag Brockmeyer (= Bochumer Studien zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 63). - Morley, Michael (1998): How to Manage Your Global Reputation. A Guide to the Dynamics of International Public Relations. Basingstoke, Houndmills u.a.: Macmillan Press. - NATO Information Service (Hg./1990): Das Atlantische Bündnis. Tatsachen und Dokumente. 8. Auflage. Brüssel: NATO. - NATO Information Service (Hg./1998): NATO Handbook. 50th Anniversary Edition. Brüssel: NATO. - Prayon, Horst (1998): Sicherheitspolitische Kommunikation. In: Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft. Ein Handbuch mit Lexikonteil. Hg. v. Otfried Jarren, Ulrich Sarcinelli und Ulrich Saxer. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 525-530. - Reiher, Ruth (Hg./1995): Sprache im Konflikt. Zur Rolle der Sprache in sozialen, politischen und militärischen Auseinandersetzungen. Berlin, New York: de Gruyter. - Shea, Jamie (1998): The Role of the Media in a Democratic Society. Vortragsmanuskript zum NATO-Seminar in Sarajevo, Bosnien-Herzegowina, 02./03.07.1998 - Theiler, Olaf (1997): Der Wandel der NATO nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes. In: Kooperation jenseits von Hegemonie und Bedrohung: Sicherheitsinstitutionen in den internationalen Beziehungen. Hg. v. Helga Haftendorn u. Otto Keck. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 101-136. - Winkler, Willy (1999): Oh! What a Lovely War! Wie sich die Bilder gleichen: Krieg und Burgfrieden in der westlichen Welt. In Süddeutsche Zeitung, 06.04.1999.
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